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Rentner-Paar: „Wir leben in Deutschland zum halben Preis“

hilzingen2Dank günstigeren Wohn- und Lebenshaltungskosten sowie wegfallender Vermögenssteuer kann sich für Pensionäre ein Umzug nach Deutschland lohnen. Das zeigt das Beispiel eines Schweizer Rentnerpaars.

Tiefere Lebenshaltungs- und Wohnkosten locken Jahr für Jahr Tausende Schweizer ins Ausland. Das beliebteste Auswanderungsziel ist Frankreich – gefolgt von Deutschland. Laut Bundesamt für Sozialversicherungen verbrachten Ende 2011 rund 10 000 Schweizer AHV-Pensionäre ihren Ruhestand in Deutschland. Zum Vergleich: 2005 waren es erst 7500 – ihre Zahl steigt seither kontinuierlich an. Auch der Schweizer Rentner Roland Wenger (76, Name ge – ändert) hat den Schritt über die Grenze gewagt. Der Unternehmer und seine Frau (65) leben seit November 2011 in der deutschen Gemeinde Hilzingen in der Nähe von Singen. Das ländliche Dorf ist mit seinen rund 8200 Einwohnern vergleichbar mit Wengers früherem Wohnort Rüti im Zürcher Oberland. Heimweh kennt das Ehepaar nicht. Ein Grund, so Wenger: «Die Schweizer Grenze in Thayngen ist nur 12 Kilometer entfernt.» Zudem leben alleine in Hilzingen 34 weitere Schweizer. Was Wenger erstaunt: «Viele Schweizer denken immer noch, Deutschland sei eine Steuerhölle. Doch wir zahlen hier zum Beispiel keine Vermögenssteuern.» Die Vermögenssteuer wurde 1997 in ganz Deutschland abgeschafft. Das zahlt sich besonders für wohlhabende Schweizer Rentner aus. Wenger bestätigt: «Unsere Steuerrechnung ist massiv tiefer als in der Schweiz.» Roland Wenger hat es als Unternehmer in der Schweiz zu Vermögen gebracht, konkrete Zahlen nennt er nicht. Dennoch macht ein K-Geld- Steuervergleich mit dem früheren Wohnsitz Rüti deutlich: Wengers würden für ein Vermögen von zum Beispiel 5 Millionen Franken jährlich rund 24 000 Franken Vermögenssteuern zahlen. In Deutschland nichts. Dafür müssen Kursgewinne versteuert werden. Doch Deutschlands Ruf als Rentnerparadies ist angekratzt. Seit Anfang 2005 sind AHV- und Pensionskassenrenten nicht mehr steuerfrei – sie werden zu über 50 Prozent besteuert. Wer 2013 erstmals eine Rente bezieht, muss 66 Prozent versteuern. Bis 2040 steigt der Satz für Neurentner sukzessive auf 100 Prozent. Wengers stört das nicht: «Als Selbständigerwerbende hatten wir keine Pensionskasse, er – halten also nur eine AHV-Rente.»

Wer noch arbeitet, zahlt in Deutschland hohe Einkommenssteuern
Ein Rechenbeispiel zeigt die Steuerbelastung für AHV-Bezüge: Ein konfessionsloses Ehepaar ohne Kinder und Vermögen bezieht die maximale AHV-Ehepaarrente von aktuell 42 120 Franken. Nach den in Rüti gesetzlich erlaubten Abzügen erzielt das Paar ein steuerbares Einkommen von rund 34 000 Franken. Dafür zahlt es in Rüti 1400 Franken Staats- und Gemeindesteuern. In Deutschland wären es nach Berechnungen des VZ Vermögenszentrums lediglich 400 Euro – rund 490 Franken. Werktätige mit hohen Einkommen werden in Deutschland jedoch stark zur Kasse gebeten. So zahlt ein Ehepaar mit einem steuerbaren Einkommen von 150 000 Euro happige 52800 Euro Einkommenssteuern. Doch Wenger hat ja kein Erwerbseinkommen mehr: «Wir leben hier zum halben Preis.» Er sagt aber auch: «Man braucht hier unbedingt einen Steuerberater.» Das Steuersystem sei für Neuankömmlinge kaum durchschaubar.

Den Ausschlag für den Umzug nach Deutschland hat aber nicht die Steuererleichterung gegeben, sondern «ein tolles Immobilien-Angebot». Hintergrund: Innerhalb der EU können Schweizer in jedem Land, in dem sie sich niederlassen, ohne Einschränkungen Grundstücke und Liegenschaften kaufen. Wenger fand sein Traumhaus in Hilzingen auf der Website Immobilienscout24.de. Er zahlte 480 000 Euro – rund 590000 Franken für die 300 Quadratmeter Wohnfläche und diverse Nebenräume. Wenger: «Eine solche Liegenschaft findet man im Kanton Zürich nirgends zu diesem Preis.» Für das Haus zahlt er im Jahr 800 Euro Grundsteuern – rund 1000 Franken. Was Wenger besonders freut: In Deutschland muss er keinen Eigenmietwert versteuern. Hypothekenschulden können im Gegenzug aber auch nicht vom steuerbaren Einkommen abgezogen werden. Wenger hat sein Haus in Hilzingen voll aus eigenen Mitteln finanziert. Eine Hypothek hätte Wenger in seinem Alter auch kaum erhalten. Hinzu kommt: Schweizer Banken finanzieren in der Regel keine Immobilien im Ausland.

Krankenkasse in der Schweiz, freie Arztwahl in beiden Ländern
Pensionierte, die in einen EUStaat auswandern und ihre Schweizer Rente erhalten, müssen sich grundsätzlich in der Schweiz gegen Krankheit und Unfall ver sichern. Viele Krankenkassen bieten internationale Versicherungs lösungen an (siehe Kasten oben). Dafür entschieden sich auch Wengers. Sie profitieren vom Behandlungswahlrecht. Das heisst: Schweizer Rentenbezüger, die in der Schweiz versichert bleiben, können sich ent – weder in Deutschland oder in der Schweiz behandeln lassen. Diese Möglichkeit nutzen Wengers und gehen nach wie vor zum langjährigen Hausarzt in Rüti. Den Zahnarzt haben sie allerdings in der neuen Heimat: «Für den Bruchteil eines Schweizer Honorars.» Was Roland Wenger als einstigem SVP-Politiker aber zu schaffen macht: In Hilzingen zahlt er in der Gemeinde zwar Steuern, hat aber kein Stimmrecht. Ein Trost bleibt: Wer sich bei einer Schweizer Botschaft anmeldet, kann sich im Stimmregister des alten Wohnorts oder der Heimatgemeinde ein – tragen lassen und in der Schweiz abstimmen.

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Veröffentlicht unter: K-Geld

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