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Mit Francine zurück auf die Zuschauertribüne

FRANCINE JORDI / «Ich bin voller Energie. Selbstverständlich fahre ich mit Vollgas weiter. Auch andere sehr schöne Titel fanden zu Unrecht keine Gnade.»

15 Punkte für den Schweizer Beitrag am diesjährigen «Eurovision Song Contest» in der estnischen Hauptstadt Tallinn: Da ist rasch aufgezählt, wer überhaupt für Francine Jordis Ballade «Dans le jardin de mon âme» stimmte. Einen soliden Sockel legten freundlicherweise die Nachbarländer Österreich (5), Frankreich (3) und Deutschland (2). Rumänien (3) erwies sich der Bernerin gegenüber ebenfalls als einigermassen grosszügig. Zur Kenntnis genommen haben das Lied ferner Slowenien (1) und Lettland (1). Schlussabrechnung: drittletzter Rang für Francine Jordi; Sieg für die russischstämmige Lettin Marija Naumova und ihren Song «I Wanna». Die Konsequenz: Am nächsten Contest in der lettischen Hauptstadt Riga muss die Schweiz passen. Ihr bleibt die Zuschauertribüne. So fordert es unerbittlich das Reglement.

Das Ziel verpasst

Mit der miserablen Platzierung verpasst die erfolgsgewohnte Richigerin Francine Jordi ihr selbst gestecktes Ziel. Zumindest unter die ersten 15 wolle sie kommen, sagte die 24-Jährige vor dem Wettbewerb. Vielleicht war dies bereits des Optimismus zu viel, hatten doch die acht führenden europäischen Wettbüros Jordis Niederlage präzise vorausgesagt. Sie sahen bis zuletzt keinen Schweizer Stern am europäischen Schlagerhimmel aufgehen: Francine Jordi rangierte bei den Buchmachern am Samstagnachmittag auf dem drittletzten Platz. Schon anlässlich der Proben in der Saku Suurhall vom Freitag konnte sich Jordi mit ihrer klassisch geratenen Ballade nicht recht gegen die poppigere Konkurrenz durchsetzen. Und die Jordi-Fans mit ihren omnipräsenten Schweizer Fahnen und Schweizer Kreuzen auf der Brust konnten das Unheil auch nicht mehr abwenden.

Das Beste geben

Doch Francine Jordi, in heimischen Landen durchaus Publikumsliebling, steckt die Niederlage weg. Wenn sie von der Bühne gehe, wolle sie sagen können: «Ich habe mein Bestes gegeben.» Das sagte Jordi vor dem Auftritt – und auch danach: «Ich habe mein Bestes gegeben und im Vorfeld so viel Promotion für die Schweiz wie nur möglich betrieben.» Dass dies wenig fruchtete, habe nicht nur mit ihrem Lied tun, sondern wohl auch damit, wie die Schweiz heute wahrgenommen werde: «Wir müssen uns wohl überlegen, was die Schweiz in Europa für eine Stellung hat», sagte Jordi kurz nach der Bekanntgabe des Endresultates. Über die auch am Contest spürbar fehlenden Allianzen sagte Francine Jordi etwas konsterniert: «Die Schweiz ist offenbar halt doch eine Insel in Europa.»

«Voller Energie»

Später wischte sie auch vor dem helvetischen Radiopublikum ihre Niederlage ziemlich vollständig vom Tisch. Sie sei «voller Energie». Und: «Selbstverständlich fahre ich mit Vollgas weiter.» Sie sei in der Niederlage auch nicht allein: «Auch andere sehr schöne Titel fanden zu Unrecht keine Gnade.» Auf keinen Fall halte sie das Ergebnis vom Singen ab. Im Gegenteil: Sie habe neue Angebote für Auftritte erhalten und konzentriere sich jetzt auf ihre Herbsttournee durch die Schweiz. Hier hat sie ihr Publikum auf sicher, haben doch die Plattenverkäufe seit ihrem Sieg in der Schweizer Vorausscheidung im Februar kräftig angezogen.

Enttäuschte Fans

Eine Ursache der Schlappe von Tallinn ortet Jordi auch beim «politisierten» Punktevergabesystem: «Die Sympathien zwischen den Ländern kommen bei der Punktevergabe stark zum Tragen. Die Skandinavier und die Osteuropäer halten zusammen, die Schweiz steht da ziemlich alleine da.» Diesem Makel steht die Unterstützung von Seiten ihrer treusten Fans gegenüber: 19 Mitglieder des 1998 gegründeten Jordi-Fanclubs reisten extra schon am Donnerstag nach Tallinn und nahmen Auslagen von 1600 Franken für Unterkunft und Flug in Kauf, um ihren Liebling mit T-Shirts und Schweizer Fahnen lautstark zu unterstützen. Fanclub-Mitglied Stefan Schürch war von Estlands Hauptstadt Tallinn und der einwandfreien Organisation der Veranstaltung positiv überrascht. «Ich hatte gedacht, vieles würde in Estland noch an die vergangene kommunistische Zeit erinnern.»

Schön sauber und sicher

Vor allem die Sauberkeit und die schöne Altstadt haben ihm gefallen. Auch die Polizei sei omnipräsent gewesen und habe den Besuchern ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Der Cousin von Francine Jordi, Thomas Lehmann, bemängelte lediglich die hohen Eintrittspreise für die Samstagabend-Veranstaltung. 450 Franken musste er für ein Ticket hinblättern. Der Betrag entspricht dem monatlichen Durchschnittseinkommen der Estinnen und Esten (siehe auch Seite 2). Stefan Schürch hat den weiten Weg aber nicht wegen der Eurovision in Kauf genommen: «Ich kam wegen Francine.» Mit einem Sieg hatte Schürch nicht gerechnet: «Wenn ich ehrlich bin, hatte sie doch keine Chance auf einen Sieg. Die internationale Konkurrenz war einfach zu stark.»

Mehrere Anläufe bis zum Sieg

Mag sein, dass sich Francine Jordi in Sachen Schlagerwettbewerb am Werdegang der lettischen Siegerin orientiert: Auch Marija Naumova blieb bei ihrem ersten Versuch im Jahre 2000 völlig erfolglos. 2001 scheiterte sie – trotz grossen Sympathien des Publikums – an den Wertungen der Jury. Und in Tallinn überflügelte sie nun das seinerseits verblüffende Malta.

Die Sieger

1. Lettland, Marija Naumova, «I Wanna». 2. Malta, Ira Losco, «7th Wonder». 3. Estland, Sahalene, «Runaway» und Grossbritannien, Jessica Garlick, «Come Back». – Ferner: 21. Deutschland, Corinna May, «I can’t live without music». 22. Schweiz, Francine Jordi, «Dans le jardin de mon âme». 23. Litauen 24. Dänemark.

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