Kredite ohne Umweg über die Bank

Auf Kreditplattformen wie Cashare.ch oder Lend.ch schliessen Private und Unternehmen Kreditverträge ab. Solche Finanzierungen sind für Kreditnehmer eine attraktive Alternative zur Bank. Kreditgeber erhalten gute Zinsen, tragen aber ein erhebliches Risiko.

Die vierköpfige Familie mit dem Pseudonym «tdauti80» formulierte Ende April 2019 auf der Kreditplattform Cashare.ch ihren Wunsch: «Wir würden gerne ­einen Zweitwagen kaufen, damit wir Arbeit und Freizeit voneinander unabhängiger planen können.» Potenzielle Darlehensgeber erfahren bei Cashare weitere Details zur Familie: «Wir haben ein Einkommen von total 8259 Franken pro Monat und zwei Kinder mit Jahrgang 2009 und 2011.» Die monatlich frei verfügbaren Mittel der Familie betragen rund 40 Prozent des Haushaltseinkommens. Betreibungen und Verlustscheine gebe es keine. Die Cashare AG mit Sitz in Hünenberg ZG ist eine von über einem Dutzend Firmen, die in der Schweiz über Plattformen Kre­dite vermitteln. Alle leben davon, dass sich Kreditgeber und Kredit­nehmer finden.

Plattformen sind für die Betreibung von Schuldnern zuständig
Dieses sogenannte Crowdlending ist für Private, Selbständige sowie kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) eine Alternative zum traditionellen Bank­kredit. Dar­lehen im Familien- oder Bekanntenkreis sind allerdings in der ­Regel günstiger. Bei Cashare ­leisten die Kreditnehmer monatliche Rückzahlungen. So reduziert sich das Risiko für die Kredit­geber laufend. Bleiben die Zahlungen aus, übernehmen die Platt­formen die Betreibung des Schuld­ners. Ist er zahlungsunfähig, erleidet der Kreditgeber einen Verlust.

Wer Geld verleiht, sollte sich deshalb bewusst sein, dass Ver­zinsung und Rückzahlung von den Absichten und der finanziellen Situation des Kapitalempfängers abhängen. Immerhin: An­leger sehen auf den ­Plattformen jeweils, ob die Dar­lehensnehmer die Risiken Todesfall, Arbeits­losigkeit und Arbeits­unfähigkeit versichert haben. Bei Cashare etwa ist eine Todesfallversicherung bis zum ­Alter 65 für Kreditnehmer obligatorisch. Die Versicherung erstattet beim Tod des Kredit­nehmers die ausstehende Restschuld bis 100 000 Franken. Bei Arbeits­losigkeit oder -unfähigkeit wird die monatliche Ratenzahlung bis 2000 Franken ­maximal ein Jahr übernommen.

Seit dem 1. April 2019 müssen sich Finanzierungsplattformen wie Cashare an das Konsumkreditgesetz halten. Es gilt für Kreditverträge ab 500 bis 80 000 Franken. In diesen Fällen muss der Plattformbetreiber eine Kreditfähigkeitsprüfung durchführen. Cashare ordnet jedem ­Antragsteller eine Risikobewertung von A (tiefes Risiko, tiefe Rendite) bis zu F (hohes Risiko, hohe Rendite) zu. Der Familie «tdauti80» verlieh Cashare die gute Note «B». Bewertungen mit Note D bis F ­machen gemäss Cashare-Angaben 80 Prozent aller Kreditanträge aus und werden aufgrund eines «unzureichenden Risikoertragsprofils» abgelehnt. Die Familie «tdauti80» erhielt einen Kredit von 40 000 Franken mit einer Laufzeit von fünf Jahren. 93 Cashare-Kreditgeber beteiligten sich. Sie erhalten auf das ausgeliehene Geld 6,7 Prozent Zins.

Die Plattformen finanzieren sich über die Gebühren, die sie von den Vertragsparteien ver­langen ­(siehe Tabelle unten). Diese Gebühr beträgt für Kreditnehmer je nach Plattform 0,6 bis 1 Prozent pro Jahr. Auf der anderen Seite müssen Investoren 0,75 bis 1 Prozent pro Jahr entrichten. Hinzu kommen bei Kreditnehmern Gebühren für all­fällige Mahnungen, Versicherungsprämien sowie Verzugszinsen. Bei Cashare beträgt der Verzugszins für Schuldner happige 10 Prozent.

Für Anleger eröffnet sich mit Crowdlending eine neue Ren­dite­chance. Letztlich gilt dabei aber, was bei allen Geldanlagen gilt: Je höher der Zins, desto grösser das Risiko. Wer es scheut, sollte nur die Gläubiger mit den besten Bewertungen wählen. Kreditgeber sollten nur frei verfügbare Mittel investieren, die nicht für den Lebensunterhalt benötigt werden, und ihr Geld auf mehrere Schuldner verteilen. So wird das Risiko ­eines Kreditausfalls verteilt. Autor: Bernhard Bircher-Suits

Kredite im Umfang von 262 Millionen
Eine Studie der Hochschule-Luzern und der Branchenorganisation SMLA zeigt: Schweizer Crowdlending-Plattformen vergaben 2018 über 262 Millionen Franken an Krediten. 2018 lag die durchschnittliche Kreditsumme für Privatkredite bei rund 30 000 Franken. Das Geld wurde vor allem für Umschuldungen, Bildung, Autos, Reisen oder Hochzeiten benötigt. Kapitalgeber liehen Firmen durchschnittlich 17 000 Franken, Privaten rund 4000 Franken.

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