Untertauchen im Garten Eden

Die Seychellen sind ein erstklassiges Refugium für seltene Tier- und Pflanzenarten sowie Naturfreunde, die Ruhe und Erholung suchen.

«Ich habe in meiner Jugendzeit alle meine Winterferien in St. Moritz verbracht.» Der korpulente Gesprächspartner aus New York lässt bei mir keine Zweifel aufkommen: Auf den Seychellen sind hauptsächlich Leute mit dicker Brieftasche anzutreffen. Seine spindeldürre Begleiterin, von Beruf Schauspielerin, gibt sich im Gespräch an der «Piratenbar» ebenso mondän: «Die Karibik ist uns zu übervölkert geworden. Die Seychellen kennt in den USA noch kaum jemand.» In der Tat ist das 115 Inseln umfassende tropische Archipel, vier Grad südlich des Äquators, auch in unseren Breitengraden kaum bekannt. Die Hochpreispolitik der Tourismusmanager hat dazu beigetragen, dass die Seychellen bis heute vom Massentourismus verschont blieben. Die jährlich rund 130 000 Besucher sind bei einer Bevölkerungszahl von 75 000 Personen denn auch kaum wahrnehmbar. 90 Prozent der Bevölkerung leben zudem auf der grössten Insel Mahé. Hässliche Hotelbunker trüben die Kameralinse des modernen Robinson Crusoe während dem Inselhüpfen keine. Viele Strände der Granit- und Koralleninseln sind menschenleer. Im türkisfarbenen Meer fühlt man sich wie in einem Schweizer Solebad – das Wasser ist das ganze Jahr hindurch zwischen 27 und 29 Grad warm.

Praslin und seine Kokosnuss
«Die wahren Paradiese auf Erden sind doch die Länder ohne ‘McDonald’s’», sagt der südafrikanische Hotelmanager Bart La Buschagne und bringt damit seine Sicht eines weltlichen Paradieses auf den Punkt. Kulturellen Einheitsbrei gepaart mit Massentourismus scheuen die Hotelmanager hier wie der Teufel das Weihwasser. «Auf der zweitgrössten Insel Praslin leben wir nur von den Naturschönheiten und den wenigen dafür aber umso zahlungskräftigeren Touristen», erklärt La Buschagne. «Wir wollen Qualität nicht Quantität.» Die Hälfte des Landes steht schon seit Jahrzehnten unter Naturschutz. Gewinner dieser beispielhaften Politik sind zweifelsohne die Tier- und Pflanzenwelt. Neben den über 800 Fischarten tummeln sich Land- und Meeresschildkröten sowie viele vom Aussterben bedrohte Vogelarten wie der Magpie Robin auf den Inseln. La Buschagne hat neben geführten Wanderungen durch die üppige Vegetation auch noch eine Attraktion der besonderen Art für seine Gäste auf Lager: Nach dem kreolischen Buffet im «Coco de Mer» füttert er im hoteleigenen Quellfluss vor versammelten Gästen seine «Haustiere»: Es sind vier wild lebende Aale. Die Seychellen beherbergen nicht nur seltene Tierarten, sondern sind ausserdem reich an tropischen Früchten und seltenen Pflanzen. Im von der Unesco geschützten Weltnaturerbe Vallé de Mai auf Praslin kann man zum Beispiel die grösste Kokosnuss der Welt bestaunen, die «Coco de Mer». Der bis zu 20 Kilogramm wiegende Samen befindet sich in einem Wald voll gigantischer Fächerpalmen. Auf Praslin ist auch eine der schönsten Badebuchten der Welt zu finden: Die Anse Lazio. Die Bucht ist die meiste Zeit des Jahres ein spiegelglattes, blaues, palmengesäumtes Paradies mit strahlend weissem Sand. In der Nähe von prächtigen Granitfelsen entdecke ich schnorchelnd eine faszinierende Unterwasserwelt: Tintenfische, Barracudas und farbige Fischschwärme sind im kristallklaren Wasser leicht auszumachen.

Cousine für Ökofans
Auf der Privatinsel Cousine kann ich mich von der Artenvielfalt der Seychellen überzeugen. Die kleine Nachbarinsel von Praslin beherbergt neben vier Luxusvillen auch fünf endemische Vogelarten und Tausende Vögel. «Willst Du einer Wasserschildkröte bei der Eierablage zusehen?» fragt mich der Hotelmanager Jock Henwood kurz nach meiner Ankunft. Ich lasse mich nicht zweimal bitten. Die Schildkröte fühlt sich bei der Ablage ihrer über 200 Eier sichtlich ungestört. Ein vom begüterten Inselbesitzer angestelltes Biologenpaar vermisst die Schildkröte sogar während der Eiablage, beringt sie und zählt die Eier. Die beiden Tierexperten spazieren jeden Tag Dutzende Male um die kleine Insel, auf der Suche nach neuen Nestern. Gestört werden sie in ihrer Arbeit nur durch das Gezwitscher der nistenden Vögel und ein Dutzend wild lebender Riesen-Landschildkröten.

Frégate – wo Bill Gates sonnt
Auf den vielen Privatinseln der Seychellen steigt auch der internationale Jet-Set ab. Auf der ehemaligen Pirateninsel Frégate sonnte sich nach Auskunft von Hotelangestellten das Topmodel Claudia Schiffer und der reichste Bürger der Welt, Bill Gates. Wenn es den «Garten Eden» aus der Bibel wirklich gibt, dann kommt Frégate diesem wohl sehr nahe. Die üppig überwucherte Granitinsel steht unter Naturschutz und hat sich seit der Kolonisation durch die Franzosen und die Briten wieder in ihren «Urzustand» zurückverwandelt. Die Insel ist im Innern dicht von Dschungel bedeckt. In den Küstenebenen finde ich alle nur denkbaren Arten tropischer Früchte. Auf einem Rundgang mit einer vom Hotel dafür angestellten Biologin entdecke ich neben einer wild lebenden Kolonie von Riesen-Landschildkröten auch Cashew-, Vanille- und Zimtbäume. Ruhe, Luxus und Natur pur – diese Formel bekommt man auf Frégate für über 2000 Franken pro Villa für zwei Personen – pro Nacht versteht sich. So betucht wie die Gäste ist auch der Besitzer des Naturjuwels. Das Kleinod gehört einem deutschen Milliardär mit Wohnsitz im Steuerparadies Schweiz.

La Digue überwältigt
Wer genug Zeit hat, sollte unbedingt einen Abstecher auf die 26 Quadratkilometer grosse Insel La Digue machen. Mit dem Fahrrad kann man das Freilichtmuseum Union Estate erkunden. Man erfährt einiges über die Verarbeitung von Kopra, das fetthaltige Mark der Kokosnuss. Nur wenige hundert Meter vom Gelände entfernt, finde ich den am häufigsten fotografierten Strand der Welt: die Anse Source d’Argent. Wenn man in irgendeiner Werbung ein Foto mit riesigen Granitblöcken und weissem Sandstrand sieht, kann man davon ausgehen, dass es hier entstanden ist. Der Strand und die Insel La Digue bilden den Höhepunkt meiner Entdeckungsreise. Die Ochsenkarren für Touristentransfers und die freundlichen Bewohner kreieren zusammen mit den Naturschönheiten eine unvergessliche Atmosphäre.

Nichts für Nachteulen
Während meiner Reise werden mir zwei Gemeinsamkeiten der Seychellen und der Schweiz bewusst: Beides sind Hochpreisinseln und Steuerparadiese. Ein Kaffee im Hotel kostet rund acht Franken. Der Grund: Fast alle Güter müssen teuer importiert werden. Zudem schlägt die Regierung noch eine saftige Steuer auf alle Importwaren. Diese Politik stösst vor allem bei der Bevölkerung auf Unmut – sie muss sich mit tiefen Einkommen bei horrenden Preisen über Wasser halten. Ein Einkaufsparadies sind die Seychellen daher auf keinen Fall: «Die Läden auf Mahé sehen aus wie nach dem 2. Weltkrieg», lässt ein Hotelmanager seinem Ärger freien Lauf. Tatsächlich sind die Läden in der Hauptstadt Victoria auf Mahé keine Augenweide, und in der Regel findet man neben dem lokalen Markt nur Billigware aus China und teure Souvenirs. Wer nicht auf Shopping verzichten möchte, der muss wohl einen Zwischenhalt in Dubai einlegen. Auch Discofans sollten sich die Reise ins Inselparadies ersparen. Die einzige Unterhaltung sind Casinos und einige wenige Tanzlokale.

Wissenwertes in Kürze
Anreise:
Air Seychelles fliegt zwei Mal pro Woche in rund acht bis neun Flugstunden direkt von Zürich nach Mahé (www.airseychelles.ch; Tel. 043 211 63 34). Währung: Die offizielle Währung ist die seychellische Rupie, in Hotels dürfen aber nur Devisen akzeptiert werden. Am besten bezahlt man mit Kreditkarten. Auf keinen Fall Rupien in der Schweiz wechseln! Unterkunft: Auf den Seychellen ist das Spektrum an Hotels sehr gross: Die Preise bewegen sich zwischen 150 (Selbstversorgerbungalow) und 2500 Franken (Villa auf einer Privatinsel) pro Nacht. Top-Unterkünfte auf Privatinseln: Frégate Private Island (www.fregate.com); Cousine Island (www.cousineisland.com); North Island (www.northisland.com) Top-Resort-Hotels: «Sainte Anne Resort» (www.sainteanne-resort.com); «Lémuria Resort», mit 18-Loch-Golfplatz (www.lemuriaresort.com). Mittelklassehotel auf Praslin: «Coco de Mer Hotel» (www.cocodemer.com). Weitere Informationen: siehe www.aspureasitgets.com

Reisezeit: Der Südwestmonsun bringt von Mai bis September schönes und trockenes Wetter mit oft starker Brandung und Winden an die Südwestküste. Der Nordwestmonsun bringt von November bis März feuchtheisses Wetter mit schauerartigen Regenfällen. Vor allem im Dezember und Januar ist mit gelegentlichem Regen zu rechnen. Zwischen den Monsunen ist es oft windstill und heiss.

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