“Hollywood zeigt falsche Realität im Weltall”

Insgesamt verbrachte der Kosmonaut Talgat Musabaev aus Kasachstan beinahe ein Jahr in der russischen Raumstation “MIR”. Anlässlich eines Filmvortrages an der Universität Freiburg berichtete er über seine Erfahrungen im All.

“Wenn jemand auf der Erde Alkohol gut verträgt , dann verträgt er auch die Schwerelosigkeit im Weltall”. Mit dieser nicht sehr ernsthaft gemeinten Binsenweisheit beendete der Astronaut Talgat Musabaev aus Kasachstan seine filmisch unterlegten Ausführungen über das Leben und die Forschung im Weltall. Der weltraumerprobte “Nationalheld von Kasachstan” konnte das sichtlich interessierte Publikum in der Aula des Chemie Institutes mit amüsanten Anmerkungen zum vorgeführten Privatfilm immer wieder zum Lachen bringen. Musabaev machte dem Publikum während der Filmvorführung vor allem eines klar: “Amerikanische Hollywood Filme über das Leben und die Arbeit im Weltall zeigen eine falsche Realität”. Eine Weltraummission sei anstrengende Forschungsarbeit. Neben komplizierten Experimenten müssten auch immer wieder schwierige Reparaturen an der veralteten Raumstation “MIR” vorgenommen werden. Für Freizeit bleibe daher wenig Zeit. Der bald fünfzigjährige Ingenieur Musabaev nahm an zwei “MIR” Missionen teil: die erste Mission fand 1994 statt, die zweite 1998. Insgesamt verbrachte er 334 Tage im Weltraum.

Strikter Tagesablauf
Neben acht Stunden Schlaf bleibt den Astronauten in der Raumstation in der Regel eine Stunde zum Essen, die restliche Zeit dient der Durchführung von Experimenten in der Schwerelosigkeit. Die Astronauten werden vor dem Weltraumflug ein bis zwei Jahre auf die Durchführung solcher wissenschaftlichen Experimente vorbereitet. Musabaev genoss diese Ausbildung in Toulouse in Frankreich. Vorgängig bereitete sich der Ingenieur und Flugzeugpilot während Jahren in der “Star City” bei Moskau für seine kommenden Weltraumflüge vor. “Star City” ist eine eigentliche “Weltraumstadt” mit rund 5‘000 Bewohnern.

Forschung unter schwierigen Bedingungen
Die komplexen wissenschaftlichen Experimente im All erfordern eine hohe Konzentration. Ein falscher Handgriff kann vor allem bei Selbstversuchen schnell zu fatalen Folgen führen. Im Film wurde unter anderem ein Selbstversuch gezeigt, bei welchem während rund vierzig Tagen jeden Tag drei bis sechs Blutproben entnommen werden mussten. Erschwerend kommt die Schwerelosigkeit im All hinzu. Einzelne Astronauten leiden während des Raumfluges oder danach unter Kopfschmerzen, Kalziummangel und kardio-vaskulären Veränderungen.

Schrottreife Raumstation
Die russische Raumstation MIR wurde ursprünglich für eine Lebensdauer von vier Jahren ausgelegt. Nun ist die Raumstation schon beinahe 14 Jahre in Betrieb. Die im Vergleich zum Space Shuttle der USA abgetakelte Raumstation bedingt denn auch ständige Wartungsarbeiten. Talgat Musabaev zeigte in seinem selber gedrehten Film auf eindrückliche Weise, wie die Astronauten unter lebensgefährlichen Bedingungen Reparaturarbeiten ausserhalb der schützenden Raumstation ausführen müssen. Während eines technischen Defektes an der MIR verbrachte Musabaev ganze vierzig Stunden im Weltall. Wie Bergsteiger sind die Astronauten lediglich mit Karabinern am Raumschiff gesichert. Das Raumschiff bewegt sich dabei mit acht Kilometern pro Sekunde um die Erde.

Kollegiale Zusammenarbeit der „Supermächte“?
“Die US-Astronauten würden bei der Personalselektion der Russen wohl durchfallen”, meinte Musabaev ein wenig herablassend. “Der Weltraumflug im Space Shuttle ist heutzutage ein komfortabler Spaziergang ins All. Die Amerikaner haben für jede Türe im Raumschiff einen zum Öffnen trainierten Experten”. Der Flugzeug-Pilot Musabaev machte aus seinen Vorbehalten gegenüber den technologisch hochgerüsteten Amerikanern kein Geheimnis. Trotz kollegialer Zusammenarbeit der Russen mit den USA und der EU bestehen offensichtlich immer noch althergebrachte Rivalitäten zwischen den Supermächten im Weltraum. Die russischen Astronauten machen den finanziellen und technologische Rückstand der russischen Raumfahrt mit ihrem Fachwissen aber längstens wett. Bernhard Bircher (erschinen im offiziellen Uni Magazin “Uni reflets”)

 

 

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