Vergangenheitsbewältigung in Rwanda

Im April 1994 begannen schreckliche Massaker in Rwanda. Ungefähr 800’000 Menschen verloren dabei ihr Leben. Anlässlich eines Seminars in Rwanda stellte Professor Richard Friedli mögliche Lösungswege für eine Vergangenheitsbewältigung vor.

„Das unbewusste kollektive Gedächtnis über den Genozid in Rwanda muss bearbeitet werden”. Diese Feststellung des Rwanda Experten Friedli lässt sich leicht nachvollziehen, kennt man nur einige wenige der schrecklichen Kennzahlen über den Genozid in Rwanda. Gemäss UNICEF waren 96 Prozent aller Kinder in Rwanda aktiv oder passiv an Massakern beteiligt oder davon betroffen. Von 84 Prozent der Jugendlichen, welche die Eltern oder andere Familienmitglieder verloren hatten, waren mehr als die Hälfte direkte Zeugen von der brutalen Ermordung ihrer Eltern oder Geschwistern. Ein Grossteil der Bevölkerung in Rwanda ist traumatisiert. Die Geschehnisse wurden gemäss Richard Friedli bis heute kaum aufgearbeitet: „Gefährliche Erinnerungen können in Krisensituationen jederzeit wieder ausbrechen und zu erneuter Gewalt in Rwanda führen”. Ziel eines langjährigen Forschungsprojektes über den Völkermord in Rwanda und Ex-Jugoslawien war es, ein Frühwarnsystem zu entwickeln, welches drohende Gewaltkonflikte vorzeitig erkennt.

Nach einer Phase der theoretischen Aufarbeitung und Analysierung der Geschehnisse im Rahmen des Forschungsprojektes sollten die wissenschaftlichen Erkenntnisse vor Ort präsentiert und mögliche Wege zur Vergangenheitsbewältigung aufgezeigt werden. Das Seminar „Mahatma Gandhi’s gewaltlose Strategien in Südafrika: Umsetzung in den aktuellen Kontext der Versöhnungswege in Rwanda” bot den passenden Anlass dazu. Im Verlaufe der Seminarwoche in Butare entstand eine offenes Gespräch und ein reger Gedankenaustausch zwischen den 25 Teilnehmern und dem Forscherteam aus Freiburg über gewaltfreie Konfliktlösungsstrategien und über den Genozid. In der Auswertung des Seminars meinte ein Teilnehmer:” Wir brauchen jemanden, der uns zuhört. Dies ist viel dringender als materielle Hilfe”.

____________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________

Der 62-jährige Richard Friedli ist Professor für Religionswissenschaft sowohl an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät als auch an der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg. Die Jahre 1966 bis 1971 verbrachte er in Rwanda als Lehrbeauftragter für Entwicklungsethik an der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Nationaluniversität in Butare. Vorher hatte er zwei Jahre als Lehrer für Philosophie im damaligen Zaïre gewirkt. Diverse Studienreisen nach Rwanda (1977,’95,’99) vertieften seine Beziehungen zum Land.

 

 

Print Friendly, PDF & Email
Bitte folge mir....

Schreibe einen Kommentar

Facebook
Twitter
LinkedIn
LinkedIn
Instagram