Schlumpf und Löwe: Italien für Kinder

Die Provinz Apulien liegt am Stiefelabsatz Italiens und ist für viele Schweizer Familien unbekanntes Terrain. Zu Unrecht: Nicht zuletzt für Kinder hat die Gegend neben Gelati und Pasta viel zu bieten.

Der plötzlich wildgewordene Löwe rennt direkt auf unseren Mietwagen zu. Meine Frau schreit auf dem Beifahrersitz: «Schnell, schliess das hintere Autofenster.» Für einen Moment stockt mir der Atem. Soeben hatten unsere beiden Kinder noch in aller Ruhe aus nächster Nähe die fressenden Giraffen durch das halb offene Autofenster bestaunt. Es blieb geöffnet – auch als wir in das hermetisch abgeriegelte Löwen-Gehege fuhren. Grazie a Dio: Der Löwe zeigt kein Interesse an uns, sondern stürzt sich mit Gebrüll auf ein frisches Stück Fleisch hinter dem Auto.

Nach dem Zoo der Freizeitpark

Kurz nach dem glimpflich abgelaufenen Zwischenfall fährt ein Zoo-Aufseher in seinem Jeep in unsere Nähe und ermahnt uns mit unmissverständlicher Gestik, die Fenster geschlossen zu halten. Eine solche Szene wäre ein Albtraum für auf Sicherheit bedachte Schweizer Zoo-Direktoren. Hier im Zoo-Safari in Fasano – einer Kleinstadt in der Provinz Apulien – sind solche hautnahen Tier-Begegnungen Teil einer etwas kuriosen «Tierschau» auf vier Rädern. Unsere Sprösslinge stört das nicht – sie lassen sich auch nicht durch die gelegentlich hupende Wagenkolonne hinter uns aus der Ruhe bringen. Sie haben nur Augen für die Elefanten, Löwen und vielen anderen Vier- und Zweibeiner im weitläufigen Zoo.

Nach absolvierter Rundfahrt glänzen ihre Augen weiter: Im happigen Eintrittspreis von 19.50 Euro pro Kind ist auch der Besuch des angrenzenden Freizeitparks inbegriffen. Eine Achterbahn, Karusselle und viele Schaubuden ziehen Kinder magisch an. Mit «Benvenuti», heisst uns vorerst ein Schauspieler im Park willkommen. Er macht uns auf ein Theaterstück aufmerksam: Pinocchio – der italienische Klassiker für Kleine schlechthin. Unsere Kinder kennen die Geschichte in- und auswendig und stören sich daher nicht daran, dass die Marionetten allesamt Italienisch sprechen.

Für die Unterhaltung der Kleinen ist also gesorgt, und auch Eltern, die in den Ferien auf einfache Kindermenüs hoffen, werden in Apulien nicht enttäuscht. Kulinarisch deckt die Region so ziemlich die ganze Palette an weltbekannten Kinder-Menüs ab. Spaghetti und Pizza stehen dabei nicht einmal zuoberst auf der Beliebtheits-Skala. «Nochmals Ohrenpasta per favore», betteln die Kinder schon nach wenigen Bissen. Sie verlangen nach der ohrenförmigen «Orecchiette». Sie wird in Apulien traditionell mit Stängelkohl, einem mit Broccoli verwandten Kreuzblütler oder mit einer Tomatensauce gegessen. Ein Sprichwort besagt: «In Italia si mangia sempre troppo, ma mai abbastanza.» In Italien isst man immer zu viel, aber nie genug. Das gilt besonders für Apulien. Wer die Preise in den Hotels scheut, wird in den vielen Cafés und Restaurants am Strand glücklich: Für einen guten Cappuccino zahlt man hier einen Euro, und auch Fisch ist günstig und erst noch frisch.

Der Höhepunkt: Schlumpfhausen

Bei Alberobello freut sich unser Kleiner besonders: «Papa, das sind ja Schlumpfhäuser», ruft er beim Anblick der sogenannten Trulli. Das sind runde, kleine Häuser mit Dächern aus Stein. Sie erinnern an die Zipfelmützen von Schlümpfen. Das Dorf nahe Bari, der Hauptstadt der Provinz Apulien, beherbergt besonders viele der traditionellen Trulli. Sie gehören zum Unesco-Weltkulturerbe.

Zum Kulturerbe Italiens gehören auch die beeindruckenden Uniformen der Polizei. Nach einigen Wortwechseln auf Italienisch lässt sich der lokale Polizeikommandant bereitwillig in voller Montur mit unserem Sohn auf dem Dorfplatz ablichten – inklusive Revolver im Holster. Solche Momente brennen sich fürs Leben ins Kindergedächtnis. Und die Schulkollegen zu Hause werden zumindest tief beeindruckt sein von den Porträts mit dem Ordnungshüter. Aber auch die Gelateria um die Ecke mit der monströsen Glace aus Pappe hinterlässt Spuren: Unsere Bambini werden noch Wochen später von der beeindruckenden Auswahl an Sorten reden.

Als nächstes zieht es uns in den Untergrund – genauer gesagt in die bis zu 71 Meter tiefen Grotten von Castellana. Hier herrschen auch während brütend heissen Sommertagen angenehme Temperaturen. Es ist konstant 15 Grad warm und die Stalaktiten und Stalagmiten sind nicht nur für Kinderaugen beeindruckend. Die Grotten gelten als schönster Höhlenkomplex Italiens.

Nach der Rückkehr aus der Tiefe der Erde suchen wir Ruhe und Erholung im familienfreundlichen Ferienresort «Borgo Egnazia». Der einem apulischen Dorf nachempfundene Gebäudekomplex liegt inmitten von jahrhundertealten Olivenhainen und üppigen Obstplantagen zwischen Bari und Brindisi. Das aus Sandstein geschaffene Resort wurde im Juni 2010 eröffnet – nach einer Bauzeit von zehn Jahren und einer Bausumme von rund 110 Millionen Euro! Das riesige Feriendorf mit weitläufigen Gartenanlagen im arabischen Stil ist ein architektonisches Juwel. Das schönste daran aus Elternsicht ist aber: Familien mit Kindern leben getrennt von Ruhe suchenden Paaren, die im 5-Stern-Resort ihre Flitterwochen verbringen. Lediglich am Frühstücks-Buffet treffen die vielen italienischen und ausländischen Familien auf Ruhe suchende Liebespaare. Doch einmal mehr spüren wir in Apulien: Kinder sind hier eine willkommene Bereicherung und kein Störfaktor.

Exakt um fünf vor zwölf hat die Uhr auf dem Dorfplatz des Ferienresorts den Geist aufgegeben. Gelegentlich würden wir uns wünschen, dass die Zeit in der Tat stehen bleiben würde: Vor allem, wenn unsere Kinder am Strand friedlich Sandburgen bauen und wir für einmal die Seele baumeln lassen, oder wenn sie in der hoteleigenen Kochschule begeistert Hand anlegen. Hier backen Kinder ihre eigene Pizza – je nach Gemütslage sogar auch mal ohne Eltern.

Wissenswertes in Kürze

■ Allgemeine Informationen: Die italienische Zentrale für Tourismus in Zürich (www.enit.ch) und die offizielle Tourismus-Website von Apulien (www.viaggiareinpuglia.it) bieten ausführliche Informationen über die Region in Deutsch und Englisch.

■ Anreise: Helvetic Airways (helvetic.com) fliegen ab Zürich direkt nach Bari und Brindisi, ab Bern direkt nach Brindisi. Ab ca. 300 Franken pro Person. Mit dem Zug ab Zürich sind es rund zwölf Stunden Reisezeit.

■ Unterkünfte: Ferienresort «Borgo Egnazia»: Das teure 5-Stern-Hotel (www.borgoegnazia.com) in Savelletri di Fasano mit Kinderspielplatz, Kinderclub und Privatstrand ist für Ferien mit Kindern – auch dank separatem Restaurant und Kinder-Pool – ein Ort der Erholung. Der «Torre Maizza (www.masseriatorremaizza.com) «ist ein eleganter 5-Stern-Gutshof bei Fasano und nicht weit entfernt von der adriatischen Küste. Kinder sind willkommen, aber das wunderschöne Hotel ist für Kleinkinder, die sich im hauseigenen Pool austoben möchten, weniger geeignet. Das Hotel ist rund 45 Minuten vom Flughafen Bari entfernt.

■ Ausflüge: Der Safari-Zoo in Fasano (www.zoosafari.it) ist auch ohne Navigationsgerät dank unzähligen Hinweisschildern leicht zu finden. Grotte di Castellana (www.grottedicastellana.it): Die kurze Führung von rund einem Kilometer dauert etwa eine Stunde und ist auch mit Kindern gut machbar und kostet 15 Euro pro Erwachsenen und zwölf Euro pro Kind.

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